"Näh doch lieber Klasse, als Masse" & "Gut gebügelt ist halb genäht"
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Schnittkonstruktion von Röcken


Verschiedene Paßformprobleme beim Rock (und bei der Hose). Wie ändere ich welches Problem bereits am Schnitt?

Was kann ich mit einem Grundschnitt machen? Möglichkeiten der Änderung des Grundschnittes.
Mode früherer Zeiten, z.B. "Humpelröcke" (auch Fessel- oder Mumienrock), evtl. incl. Schnittmuster

Vielleicht fällt mir aber auch noch das eine oder andere ein, daß ich dann ergänzen werde.


    Am Ende des Ganzen möchte ich allerdings schon einen oder zwei Röcke nähen, denn Röcke sind bei mir bisher nur selten zu sehen. Warum eigentlich?


    Dem Zeitgeist entsprechend waren und sind Jeans ein Thema. Paßt meistens schlecht, geht aber immer.
    Uniform.

    Vor Jahrzehnten, nach Abschaffung aller Kleiderzwänge machte die Hose für die Frau und vor allem auch die Jeans einen rasanten Aufstieg, so daß der Rock ein bißchen ins Hintertreffen geriet. Schade.

    Obwohl auch Männer ab und zu einen Rock tragen, sei es von den großen Meistern unserer Tage so auf den Laufsteg gebracht, oder aber im Alltag oder als Traditionskleidung.....

    (ein Klick auf die nachfolgenden Fotos führt zum jeweiligen Post)
    Einwohner im Hochland von Sulawesi



    ....so haben wir Frauen doch in unseren Breiten ein Kleidungsstück fast ganz für uns allein:

    Den Rock!

    Der Sommer naht. Dicke Mäntel, Hosen und Pullover werden in die hintersten und obersten Ecken des Kleiderschrankes verbannt.
    Bei den Männern verkürzen sich, sobald es wärmer wird, vor allem die Hemdsärmel und die Hosenbeine.

    Wir Mädels haben da viel mehr Möglichkeiten. Helle, luftige Hosen, Hosenröcke , auf neudeutsch Cullottes, Röcke und Kleider in allen Längen, Stoffqualitäten und Schnitten.
    Ist das nicht wunderbar?

    Laßt uns mehr Mut zur Weiblichkeit haben!
    Wir unterliegen keinen gesellschaftlichen oder religiösen Zwängen, wir können tragen, was wir wollen, nur billig darf es nicht wirken.

    Sommer.
    Ist das nicht schön, wenn bei hohen Temperaturen statt des am Beim klebenden Hosenbeines ein zarter Rock um die Beine streift und sich beim Drehen so wunderbar luftig aufbauscht...herrlich.

    Leider hat das eine oder andere Rockmodell auch so seine Tücken.
    Denken wir nur an den Bleistiftrock. Laufen kann man in der Regel nur mit damenhaft kleinen Tippelschritten. Chic chic. Aber schön unpraktisch. Ins Auto einzusteigen oder Fahrrad zu fahren sind dann schon kleine Herausforderungen.

    Ich hoffe, daß ihr mich durch mein Stöbern in der weiten Welt der Röcke ein bißchen begleitet und auch Freude an der einen oder anderen Sache haben werdet.
    Zeitlich gesehen habe ich mir keinen Rahmen gesetzt. Wenn ich Lust habe, dann werde ich schreiben. Ihr müßt also ab und zu mal vorbeigucken um zu sehen, ob es was Neues gibt ;-)


    Ein "Quänt"chen Rock. Diese Formulierueng fiel mir ein, als ich begann, mich mit diesem Thema zu beschäftigen.
    Mary Quant, die Grand Dame der Miniröcke.

    "Ein Outfit für Mädchen mit wenig Geld und viel Attitüde". 
    Zitat Mary Quant


    Vor ungefähr fünf Jahrzehnten ließen sich die Männer die Haare wachsen und bei den Frauen rutschten die Rocksäume nach oben. Supermini. Der Saum ist mindestens 10 Zentimeter oberhalb des Knies .
    "Provokation" hieß es damals und wenn man es recht betrachtet, dann gab es so etwas wohl so etwas in der Geschichte der Mode noch nicht.
    Man denke an das Model "Twiggy", kurze gerade Hängerkleidchen, großflächige geometrische Muster, alles möglichst bunt. Rebellisch. "Chelsea-Look", benannt nach dem trendigen Stadtteil in Großbritanniens Hauptstadt.

    Im Sommer 1968, das Jahr in dem ich geboren  bin, erreicht der Minirock seine größte Bekanntheit.
    Als "Mikrorock" rutschte der Saum im Jahr 1969 auf die höchstmögliche Saumhöhe ..... mit sichtbaren Slip. Na Danke. An dieser Stelle will ich mich mal nicht weiter über dieses Thema auslassen, obwohl ich da noch einiges zu schreiben hätte ;-)

    Vor einigen Jahren schrieb ich bereits einen Post über Frauenkleider im Wandel der Zeit. Wen das interessiert, es sind viele Bilder, der kann gerne hier nochmal nachlesen.

    Irgendwo habe ich gelesen, daß sich Mary Quant über Coco Chanel geärgert hätte, die mit den Worten zititert wird das Knie sei "der häßlichste Teil eines Frauenkörpers".
    Damit bin ich auch schon beim nächsten Punkt.

    Nicht Jede  sollte so kurze Röcke tragen. Aber darüber möchte ich an dieser Stelle nichts weiter schreiben...ein Blick für sich selbst in den Spiegel und im Hochsommer in die Einkaufsstraßen sollte genügen.

    Ich habe  für mich selbst  entschieden, daß meine Länge mindestens "mezzo", also kniebedeckt sein sollte.
    Das sieht einfach besser aus !

    Welche Arten von Röcken gibt es denn nun?

    Grundsätzlich drei:

    Tellerrock (wie man diesen Schnitt erstellt habe ich hier schon gezeigt)

    Glockenrock (wie man diesen Schnitt erstellt, habe ich hier gezeigt)

    Standardrock, also der schmale Rock, auch Bleistiftrock genannt, aus dem man alle möglichen Rockvarianten entwickeln kann.

    Einen solchen Rockschnitt möchte ich mit euch gemeinsam erstellen. Erst rechnen, dann zeichnen, dann Problemzonen am Schnitt ändern und zuletzt nähen.
    Haltet schon mal nach einem großen Bogen Papier Ausschau, z.B. Rückseite eines großen Kalenderblattes, Packpapier,  Flipchartpapier, Schreibtischunterlagen. o.ä.

    Los gehts!
    Heute wird gerechnet.
    Um zum gelb markierten Rockschnitt nach eigenen Maßen zu kommen, nüssen wir rechnen.

    Die Konstruktionsstrecken seht ihr im Grundgerüst des Schnittes (zweites Bild).

    Die komplette Berechnung habe ich mit meinen Maßen eingescannt. Beschäftigt euch damit, übertragt die Maße auf euch und rechnet alles aus.

    Im nächsten Post geht es um die" Abnäher und Hüftformen" (hier rot markiert), wie sie korrekt eingezeichnet und genäht werden.






    Wer meinen letzten Post mit de Berechnung eines Rock-Grundschnittes gelesen hat, der hat sich  eventuell über die Formulierung des letzten Satzes gewundert : "Abnäher und Hüftform sind nun auszuformen".

    Was Abnäher sind wissen wir alle.  Aber wie und  an welcher Stelle sind sie im Schnitt einzuzeichnen?
    Großes Fragezeichen.

    Sehen wir uns als erstes die verschiedenen Hüftformen an.
    Ein selbstkritischer und ehrliche Blick in den Spiegel hilft, die richtige Form zu finden. Es ist ganz einfach, man muß nur wissen, wie es geht. 
    Ist viel Hüftgold vorhanden, dann wird in der Regel, die letzte, hier rot gezeichnete Variante die richtige sein. Das heißt, an der Seitennaht muß vom Normalschnitt ausgehend abgerundet mehr Weite angezeichnet werden. 


    Zur besseren Veranschaulichung habe ich hier noch einmal die unterschiedlichen Hüftvarianten skizziert.



    Nun bleibt aber immer noch die Frage, an welcher Stelle im Schnitt die Abnäher eingezeichnet werden müssen, damit am Ende der Rock (auch die Hose) auch gut sitzt.

    Stell Dir vor, du wickelst ein Stück Stoff um deinen Körper und steckt die überschüssige Weite des Stoffes ab.  Die Menge des abgesteckten Stoffes entspricht dem Abnäherinhalt.

    Wenn wir unsere Figur von de Seite betrachten, dann sehen wir den Abnäherinhalt, im nachfolgenden Bild blau markiert.
    Den sogenannten Hüftabstich sehen wir hier in rot markiert.
    Die Formung des Hüftabstichs bekommen wir mit der oben beschriebenen Formung des Hüftbogens am Schnitt hin. Man kann die zu zeichnende  Größe des Hüftbogens auch ausrechnen, doch als Hobbyschneiderin mit einer einigermaßen normalen Figur möchte ich es mir auch nicht zu kompliziert machen.


    Den Abnäherinhalt können wir ausrechnen und in den Schnitt einzeichnen.

    Nun gedanklich zurück zur in diesem Post beschriebenen Erstellung eines Rockgrundschnittes.


    In der Berechnung ist die Rede von "1,5 Erhöhung". Damit ist die erhöhte Taillenlinie an der Seitenlinie gemeint. Die Seitenlinie (Konstruktionsstrecke t2-t4 und t3-t5) wird um 1 bis 1,5 cm nach oben verlängert.

    Für eine normale Hüftrundung verwendet man 1 cm, hat man eine stärkere Hüftrundung, dann kann man auf max. 1,5 cm Erhöhung gehen.


    Bei der Erhöhung der vorderen Abnäher (Konstruktionspunkte t9, t10 und g5)  nimmt man 0,5 bis 0,7 cm, also ca. die Hälfte der Erhöhung an der Seitenlinie.


    Der seitliche Hüftabstich ist bei einer normalen Figur der halbe Taillenausfall.

    Der Taillenausfall errechnet sich aus der Hälfte der Hüftweite anzüglich der Hälfte der Taillenweite.

    Der vordere Rockabnäher beschreibt den Hüftknochen.

    Bei einem stark ausgeprägten Hüftknochen hat der vordere Abnäher ca. 2 cm Inhalt, bei schwach ausgepägtem Hüftknochen bis 1,5 cm und bei sehr schlanken Figuren kann er bis zu 2,5 cm Inhalt haben.

    Die Länge des vorderen Abnähers beträgt 8 bis 10 cm. Den Abnäherinhhalt jeweils rechts und links hälftig der eingezeichneten Linie abtragen, auswinkeln und gerade einzeichnen.

    Das Gesäß wird durch den hinteren Rockabnäher geformt (Konstruktionspunkte t6,t7,t8 und g1)

    Merke: Beträgt der Inhalt für den hinteren Abnäher mehr als 4,5 cm, dann sollte man 2 Abnäher in den Schnitt einzeichnen.

    Die Länge des hinteren Abnähers beträgt 13 bis 15 cm. Die Einzeichnung analog wie beim vorderen Abnäher beschrieben.


    Nun noch ein Wort zu den genähten Abnähern.

    Beispielhaft habe ich hier in diesem Post (Tutorial zu Vogue 1257) schon einmal gezeigt, wie man Abnäher näht und wie man es lieber nicht machen sollte, denn dann entstehen die ungeliebten "Tüten".

    Abnäherauslauf ist links richtig dargestellt, rechts falsch "Tütenbildung"
    Nahtverlauf bei Rock und Hose bei links einer Figur mit Hohlkreuz, rechts einer Figur mit voller Hüfte

    oben: ausgebügelter Abnäher von der Innenseite aus betrachtet; mitte: "Auf den Kopf gebügelter Abnäher" von der Innenseite aus betrachtet; unten : übergebügelter Abnäher von der Innenseite aus betrachtet

    Die Zugaben:

    Die Nahtzugaben sind abhängig vom Nahttyp und der Lage am Kleidungsstück.
    Grundsätzlich gibt man an Taille und Bund 1cm zu,  an der Seitennaht und an der hinteren Mitte 1 bis 3 cm zu.

    Für den Saum rechnet man bei runden Säumen maximal 2 cm, bei geraden Säumen bis 5 cm.



    Nachdem wir jetzt einen Grundschnitt erstellt haben ist es an der Zeit, ein bißchen zu experimentieren......

    Hier  die Links zu den bisherigen Posts:

    Der Rock im Allgemeinen.
    Welche Arten von Röcken gibt es? Eine Hommage an Mary Grant & Co.  (klick hier)
    Die Erstellung eines Rock-Grundschnittes (klick hier)
    Abnäher: Wozu braucht man sie und warum kommen sie an eine ganz bestimmte Stelle? Abnäher und Hüftform. Wie werden Abnäher genäht?
    Der menschliche Körper und die Sache mit der Balance.
    Verschiedene Paßformprobleme beim Rock. Wie ändere ich welches Problem bereits am Schnitt?


    Wo und an welcher Stelle ihr etwas wegnehmen oder ändern müßt, habe ich versucht farblich zu markieren. Auch die Coloration hat eine Menge Arbeit gemacht und ich hoffe, daß ihr ein wenig Freude daran habt.
    Viel Spaß beim Experimentieren!







































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